Erinnerung: Der Reifen

Ich war irgendwann mal unterwegs wegen irgendwas, da sah ich, wie ein älterer, gebrechlich und auch etwas verwirrt wirkender Zwetschgenmann versuchte, einen Autoreifen den Bürgersteig entlangzutragen. Ich wollte erst weitergehen, dachte dann aber so nä, das kannste nit machen, musst helfen. Und dann stellte sich heraus, dass wir keine gemeinsame Sprache hatten und er nur in eine Richtung gestikulierte – der Reifen sollte irgendwo hin, soviel war klar. Also nahm ich ihn und hatte sofort die Hände schwarz (und später auch die Hose und den Pullover und alles). Wir gingen so etwa fünf-zehn Minuten, ich schaute immer mal zu dem Zwetschgenmann rüber, er zeigte immer wieder nach vorne im Sinne von „weiter, weiter“, bis wir, als ich es schon gründlich satt hatte, an eine Haltebucht mit Altglascontainern kamen. Da machte er dann ein Zeichen, ich solle den Reifen ablegen, was ich dann auch tat, und der Zwetschgenmann zog mehr oder weniger grußlos ab. Da ging ein Fenster auf und von gegenüber rief eine Frau: „DEN REIFEN KÖNNEN SIE DA ABER NICHT LIEGEN LASSEN.“ Ich so: „Heh. Ja nee, das ist nicht…“ – „DEN DÜRFEN SIE DA NICHT LIEGEN LASSEN!!!!“ Naja. Was soll ich sagen. Ich überlegte kurz, nahm dann seufzend den Autoreifen und bin den Weg zurückgegangen. Der Zwetschgenmann war wohl irgendwo abgebogen und nicht mehr zu sehen. Ich wollte dann den Reifen einfach auf den Bürgersteig legen, aber plötzlich war es so, dass aus allen Fenstern Leute guckten. Ich konnte den Reifen nirgendwo ablegen. Ich wusste nicht, was ich machen sollte. Seit diesem Tag vor vielen Jahren trage ich den Reifen jetzt mit mir herum und immer, wenn ich ihn irgendwo ablegen will, schaut jemand irgendwo aus einem Fenster.