Erinnerung: Alemannische Fastnacht

Was ich in meiner Freiburger Zeit lernte: Die alemannische Fastnacht ist eine deutlich ernstere Angelegenheit als der rheinische Karneval. Während letzterer so eine Art mutwillige Schließmuskelerschlaffung im öffentlichen Raum darstellt, wird bei der Fastnacht viel mit grimmigen Holzmienen, Märschen von bald militärischer Strenge und bedeutungsschwangeren, düsteren, betont heidnischen Ritualen gearbeitet. Unsere Nachbarin im dritten Stock gehörte einem der ältesten Fastnachtsvereine der Stadt an und trug einige Monate lang eine Art ganz in rot gehaltenes Papageienkostüm mit allerlei Glöckchen dran. Man hörte sie schon von weitem auf der Straße und dann im Treppenhaus, mit jedem Tritt auf die knarzenden Holztreppenstufen ein lautes Ganzkörper-Glockenrasseln. Und das so etwa zehn Mal am Tag, weil die gute Frau gerade in dieser Zeit viel auf Achse war. Was erstmal lustig klingt, war schon nach wenigen Tagen supernervig. Was ihr auch bewusst gewesen sein dürfte. Wenn man sich auf der Treppe begegnete, schaute sie einen mit einer merkwürdigen Mischung aus Schuld-, Selbst- und Pflichtbewusstsein an. Und so müde. So müde. Ich hätte ihr gerne gesagt: Du musst das nicht tun. Wenn ich nicht gewusst hätte, dass man sich die Fastnacht als Eingeborener nicht abstreifen kann. Man hat es, oder man hat es nicht.

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