Erinnerungen: Glockenläuten

Ich bin in einem 1000-Seelen-Dorf aufgewachsen, in dem der Ortsvorsteher von der CDU mit 90% gewählt wurde (der Gegenkandidat, ein Lehrer, hieß ungelogen „Niemand“ mit Nachnamen) und in dem fast alle katholisch waren. Sonntags wurde kein Fußball gespielt. Aber als Schalke den UEFA-Cup gewann, hat er Pastor im Suff und Überschwang die Glocken der im Ortskern gelegenen Kirche geläutet, was zu monatelangen Diskussionen durchaus nicht nur religiöser Prägung führte und auch dazu, dass dann sonntags doch Fußball gespielt wurde (vorher auch schon).

Mein Vater war als evangelischer Pfarrer und somit Vertreter einer überwiegend freundlich geduldeten, aber auch immer etwas misstrauisch beäugten Minderheit nach seiner Meinung gefragt worden („was sagt denn der evangelische Pfarrer eigentlich dazu“) und ich weiß noch, wie er uns im Vertrauen mitteilte, er würde gerne die These aufstellen, dass die Angelegenheit damit bereinigt werden könnte, dass die Glocken auch beim (damals kurz bevorstehenden) Champions League-Sieg von Borussia Dortmund geläutet würden. Die Idee leuchtete mir ein. Allerdings wurde uns Kindern dann eingeschärft, das auf keinen Fall im Ort zu verbreiten.

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