In der Stunde vor der Mahlzeit

In der Stunde vor der Mahlzeit habe ich erlebt, wie relativ und trügerisch diese Zeit ist. Der Duft der bereits volllaufenden Tröge stieg mir in die Nase und durch sie zu Kopfe und mein Zeitempfinden stärkte sich augenblicklich ein, wurde soßern, bald gallertig, mondaminen. Die Uhrenbeine, die gerade noch metronomisch ihre Runden gedreht hatten, schienen nun durch Dickete zu waten, wie durch einen Sumpf aus morastigem Grundbirnenbrei zu matschen, dem rettenden Gestade kaum näherkommend, dann fast in den Stillstand absinkend. Da, so schien ich mich selbst nicht mehr bewegen zu können und wähnte mich verloren im sogenden Moor meines aus der Zeit oder mitten in die Zeit hineingefallenen und wie durch eine Aspikhülle eingetrübten, aber noch erkennbaren Bewusstseins. Mein letzter Gedanke war, wie abwegig mein Zustand zu sein schien. Der Geruch nach dem Mahl hatte mich in den Alptraum eines erdapfgequetschmusten Körpergeistritardandos versetzt. Was läge näher, als sich aus dieser Malaise einfach herauszumampfen? Lang- und mühsam öffnete ich meine Kaugegend, nahm einen großen Mund von meinem Gefängnis und das rettende Wunder geschah. Je tiefer der Schlang, umso höher und bald auch schneller stieg ich aus dem stockenden Sumpf empor. Ich aß und aß und Tränen der Erleichterung rannen mir die stampfmusbeschmierten Wangen hinunter. Irgendwann saß ich wieder dort, wo alles begann, die Uhrenbeine liefen wieder werkgemäß, und während man sich grunzend zu den Trögen aufmachte, blieb ich ohne Hunger, dafür aber um eine Erfahrung satter zurück.

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