Blogbuch: Der Reiz

Ich kann es ja durchaus nachvollziehen, den Reiz, sich drastisch auszudrücken, vermeintlich kontrolliert über ein Ziel hinauszuschießen. Immer diejenigen im Blick, die man aufrütteln und für ein Thema sensibilisieren will, und denen man andererseits in einem trolligen Sinne bestimmte Reaktionen entlocken will. Allerdings muss einem da auch klar sein, dass sich – wenn man das zu oft macht – das eigene Denken und Empfinden verändert. Irgendwann hat man sich sozusagen selbst überzeugt, wird von anderen zugleich darauf festgenagelt. Und dann kommt man nicht mehr zurück von seinem kruden Ausritt und vergaloppiert sich plötzlich aus voller Überzeugung. Dann hat man nicht nur ein Problem. Dann ist man eins.

Blogbuch: Twitter

Hab mir während der langen Auszeit auch Twitter nochmal angeschaut. Mich erinnert der ganze Habitus, mit dem dort gepostet und interagiert wird, an so Leute, die unangenehm schwungvoll eine Kneipe betreten und mit aufgerissenen Augen und geöffnetem Mund alle Tische abscannen, und wen sie kennen oder zu kennen glauben gleich mit distanzlosen Begrüßungen, ungefragten, gerneoriginellen Ansichten, kurz eingeworfenen und quälenden Lachwitzen, Floskeln und Plattitüden („Perlen“) belasten, nur dass auf Twitter halt alle so sind und nicht nur der eine Gast, der gerade reinkommt.

Tagtraum: Hotelzimmer

Später Tagtraum: checke in ein Hotel ein, dessen Zimmer nachts nach Spielautomaten leuchten. Ich werfe den Inhalt des Koffers hinein und schließlich auch den Koffer selbst. Doch es will nicht gewinnen. Am Ende will ich nurnoch verlieren und liege schmerzverzerrt auf dem Bett. An der Decke rollen noch die Walzen. Da hat es gewonnen. Es blinkt, es lärmt, es klingelt. Und der Whirlpool im Badezimmer füllt sich mit Fanta Holunder.

Der Beruf, den der Gürteltiermann hat

Einen der seltsamsten Berufe, die mir je untergekommen sind, lernte ich in bzw hinter einer großen Bahnhofshalle kennen. Es war nicht so, als hätte mir jemand gesagt, ich solle das tun. Aber ich öffnete unterhalb einer sehr großen Bahnhofsuhr eine Tür, die nicht verschlossen war und drehte mich eine schmale Wendeltreppe hinauf zu einem kleinen Kabuff hinter dem gewaltigen und hörbar arbeitenden Zifferblatt. Und da saß ein Gürteltiermann, der mich erstaunt, aber durchaus freundlich anschaute. Sein Schuppenpanzer hob und senkte sich gleichmäßig mit seinem Atem. In der einen Hand hielt er eine Taschenuhr, deren Kette zwischen seinen Fingern herunterhing, mit der anderen umgriff er einen Drehknopf, den er langsam im Uhrzeigersinn bewegte. Er steuerte die riesige Bahnhofsuhr manuell und hatte die dazu passende Uhrzeit die ganze Zeit im Blick. Als mir solches klar wurde, wollte ich erst fragen, wer denn wohl dafür Sorge trage, dass die Taschenuhr immer die richtige Zeit habe. Aber da schien mir die Frage bereits albern, und der Gürteltiermann lächelte auch, als habe er meine Gedanken gelesen und sagte „ich“

Blogbuch: Die Kühlen

Früh morgens vor einem heißen Tag ist es auch toll. Da genießen die Menschen, die Angst vor Hitze haben, nochmal in vollen Lungenzügen die kühle Luft, die kalten Nasenspitzen, die lauwarmen Brötchen und alles. Und tragen, was sie wollen, gerne auch nochmal ihren Lieblingspullover mit den kleinen Thermometern mit 17-24 Grad drauf. Manche von den Leuten, die um diese Zeit draußen sind, kommen auch ins Gespräch und während die Sonnenanbeter erst in den Gluttag starten, haben „die Kühlen“ schon alles gefunden, was sie gesucht haben.

Blogbuch: Fremdgeher

Fremdgeher*in empathielos: „Ich hab mit jemand anderem gefickt, ist halt so, get over it“

Fremdgänger*in empathielos forte: „Es gibt denke ich keinen Weg, das schonend zu sagen. Also sage ich, wie es ist. Alles begann – ach ich weiß auch nicht mehr. Es ist alles schon so unwirklich. Ich kann es selbst kaum fassen, kann mich selbst einfach nicht verstehen. Du hast auch alles Recht – also ICH hasse mich. Ich würde mich auch hassen, wenn du… – du verdienst jemand Besseren, der nicht so schwach ist. Du weißt wahrscheinlich schon, was – ach, wir sollten garnicht darüber reden. Was sollst du auch sagen. Wenn ich doch nur die Zeit zurückdrehen – achnee, das ist alles so leeres Geschwätz von mir. Aber du sagst ja auch nichts! Ich bin voller Scham. Scham und mir selbst auch fremd. Unnötig. So unnötig […]“