Miriam und Antonia

„Hallo Miriam, ich bin Antonia“
„Hallo.“
„Miriam, das ist aber ein schöner Name.“
„Geht.“
„Dooch… Miriam, wir wollen uns heute ein bisschen unterhalten. Deine Eltern haben mir erzählt, dass du ein sehr phantasiereiches und intelligentes Kind bist, das ist toll. Das ist ein großer Schatz! .. aber sie haben mir auch erzählt, dass Du manchmal so in deinen Träumen und Phantasien schwelgst, dass vieles zuhause liegenbleibt, zum Beispiel die Schularbeiten. Ist dir das auch aufgefallen?“
„Weiß nicht. Was heißt schwelgen?“
„Schwelgen? Ach das hab ich ja gerade gesagt, ja, in der Phantasie schwelgen, das heißt, mit viel Spaß und Energie und Freude sich in der Phantasiewelt aufhalten, das heißt, dass du dich dort oft richtig wohl fühlst und dir auch lange Zeit dafür nimmst. Das stimmt, oder?“
„Ja.“
„Ich finde das auch überhaupt nicht schlimm. Wie gesagt, das ist ganz toll, wenn man sich Geschichten ausdenken kann, sich an andere Orte träumen kann, in der Phantasie Abenteuer erleben kann. Das ist ganz toll. Man muss aber aufpassen, dass man darüber nicht vergisst, dass man gewisse Dinge, wie zum Beispiel Schularbeiten oder zuhause das Zimmer aufräumen oder auch mal der Mutter in der Küche helfen, dass man dafür gar keine Zeit mehr hat, das geht nicht. Und da fällt es dir glaube ich gerade schwer, eine gute Mischung zu finden kann das sein, Miriam?“
„Mich macht Zeit traurig.“
„Zeit macht dich traurig? Wie meinst du das.“
„Zeit ist die Verletzung, wenn wir beginnen, wie auf Schienen aneinander vorbeizufahren. Wenn die Tür langsam zu geht, wenn die Autotür aufgeht. Wenn wir uns umarmen sollten, sind wir auf Stühle geschraubt und halten an etwas fest, was uns aus den Händen gleitet. Zeit ist die Enttäuschung, dass nicht gesehen wird, wie still man stehen muss. Die Zeit ist das Feuer, in dem wir verbrennen und die Phantasie ist der Ozean, durch den wir mühelos gleiten und ganz tief unten leuchten seltsame Vorhangwesen. Zeit macht mich traurig, weil wir keinen Kreis bilden, in dem wir vor ihr sicher sind oder in der sie weniger wehtut. Darf ich die Augen zu machen und träumen, weil ich weinen muss?“
„Ja, Miriam. So lange du willst. Und ich bin hier und warte auf dich.“

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