Unversöhnlich werden

Mit dem „schlecht Vorhandenen sich nicht abfinden“ können, das, sagt Bloch, hat das Hoffen im Kern. Sich nicht abfinden, das hieß für mich in den letzten Jahren in Familie wie Freundes- und Bekanntenkreis, größtenteils außerhalb der „Filterbude“, schmerzliche Konflikte, die ich als harmoniebedürftiger Mensch lange scheute, unversöhnlich zu führen, das heißt, mit Menschen nach unmissverständlicher Aussprache und dem Erkennen und Anerkennen großer Differenzen zu brechen oder zumindest eine klare Distanz aufzubauen. Das schlecht Vorhandene ist vor allem die bewusste Verletzung anderer Menschen und das Gerücht über diese. Das schlecht Vorhandene ist eine Heimat, die der Albtraum jener ist, die, selbst wenn sie brutale, paternalistische, sexistische und nationalistische Gesellschaftsnormen erfüllen und sich an Produktivität messen lassen, Fremde oder Bürger zweiter Klasse bleiben müssen. Meine Hoffnung ist nicht der flüchtige Tagtraum, dass plötzlich Mitgefühl, Empathie, Gerechtigkeitsempfinden und das Anerkennen und Reflektieren eigener Ängste über all meine Mitbürger kommen. Ich träume viel, aber das nicht. Meine Hoffnung ist jedoch, dass Menschen mit gutem und verständigem Herzen unversöhnlich werden und den Federhandschuh aufnehmen, um das, an das wir vielleicht nicht mehr glauben können, aber auf das wir hoffen müssen und wollen, weil wir uns nicht abfinden können, selbst in die Hand zu nehmen.

Glas

Seit jeher bin ich fasziniert von Glas – diese Symphonie aus Eisen und Wind, im Sandstrahl geformt, im Licht bewiesen. Hinter klarem Glas wird jeder Inhalt wie Saft im Raum hingestellt, ohne zu zerfließen, verliert aber nicht seine natürliche Gleitfähigkeit. Saft – das Wasser der Früchte. Ich brauche dich, Glas, weil ich was von ihm müchte. Ich sehe es, ich sehe ihn – zugleich. Das Glas ist fest, doch optisch weich. Was sind wir reich. Was sind wir reich.

Nudelsalat

Der elterliche Nudelsalat zu Silvester hat eine lange Tradition. Auch wenn man an Neujahr oder einige Tage später zu Besuch kommt, ist eine riesige Schüssel davon auf dem Tisch (risch schön durchgezogen), sowohl mittags als auch abends, wer will auch zum Kaffeetrinken. Der Nudelsalat ist auch nicht nur in dieser einen großen Schüssel. Teile sind noch in anderen Schüsseln auf diverse Kühlschränke verteilt und auch auf Tellern, in Schälchen und Tuppern („nehmt doch welchen mit, bitte“), teils sogar in Schubladen, in Hüten und Jackentaschen. Lachend kommt jemand in Gummistiefeln mit zwei weiteren großen Eimern Nudelsalat von der Terrasse herein, die waren noch in der Gartenhütte.

Eine gute Freundin

Regelmäßigen Kontakt mit Freunden, die nicht auf Facebook oder anderen social networks grinden, hab ich kaum. Eine Ausnahme bildet seit ungefähr den späten 90ern eine Freundin, die heute mit zwei Kindern (alleinerziehend) in Basel lebt. Sie war nie auf Facebook oder Twitter, nur E-Mail war und ist unser regelmäßiger Kontaktweg; ich antworte immer innerhalb weniger Stunden, sie innerhalb weniger Tage. So ist das jetzt wirklich schon seit 20 Jahren. Von Angesicht zu Angesicht sehen wir uns meistens 3-4x im Jahr. Wir machen dann ausgedehnte Spaziergänge oder sitzen stundenlang in der Küche oder in einem Café und erzählen dem jeweils anderen was vom Leben. Es ist selten genug, um etwas aufgekratzt, aber oft genug, um sich auch beim gemeinsamen Schweigen nicht unangenehm zu sein. Außerdem schmunzeln wir gerne seitlich was weg. Wenn das Thema auf meine Shitpostingtätigkeit kommt, lacht sie besonders viel. Ich habe das Gefühl, sowohl mit mir als auch über mich, was ich sehr angenehm finde. Meine Texte findet sie „gut“. Besonders wenn es um meine gemalten Bilder geht, von denen sie mittlerweile auch welche besitzt, lacht sie in sich hinein und sagt „ach Benni“, und ich muss dann auch in mich hineinlachen, bis ich etwas trotzig mit „naja, aber“ zu einer Apologetik ansetze – und sie, gespielt ernst: „nee, !“ so im Sinne von „nee, du, die Bilder sind ja teilweise auch gut, das will ich garnicht ins Lächerliche ziehen“, aber auch ein bisschen „lass lieber“…dann Pause und dann wieder etwas „wackeln“ (fast tonlos und kurz in sich hineinlachen).

Das ist es, was ich zu meinen Bildern zu sagen habe. Nämlich so gut wie nichts. Nur ein kurzes Aufbegehren und dann ein schelmisches Wackeln.

„Rossmann“-Texte

19. Januar 2019: An der Rossmann-Kasse von einem Kleinkind mit offenem Mund und intensiv gemustert worden, dann Kind mit der Mutter ab, ich komme etwas später aus dem Laden, da ruft das Kind vom Parkplatz, auf mich zeigend: „DER!“ Mutter macht sowas wie „psst“, verpackt das Kind verschämt auf die Rückbank. Echt krass, wie bekannt man durch Facebook werden kann

8. Februar 2019: Frage: zählt Rossmann als „Freitagabend mal ausgehen“

1. März 2019: Familie Katz beim samstäglichvormittäglichen Unterwegssein. Sie hat einige Kinder irgendwo dabei, er ist nicht der Vater und wirkt etwas flatterig. Seiner Meinung nach wird es Zeit für das erste Colabier. Sie ist dagegen. Der Ton der Unterhaltungen ist vorwurfsvoll und genervt. Jetzt ist aus dem großen Kinderwagen, der zudem als Einkaufswagen und sonstige fahrende Ablage dient, unten allerhand rausgepurzelt und beiden fällt das Bücken schwer. Es ist einer dieser Momente, wo Frau Katz gerne verzweifelt losheulen möchte, was sie dann auch meistens tut. Er steht erst teilnahmslos und mit „was kann ich denn dafür“-Geste wie das berühmte Falschgeld herum, legt dann aber doch einen Arm um sie und sagt ihr leise etwas in Richtung Ohr, und dann umarmen sich die beiden und umarmen sich weiter, wie sich nur Menschen wie sie umarmen. Mit viel verzweifelter, inniger Liebe, wie zwei Ertrinkende, nur nicht im Wasser neben der sinkenden Titanic, sondern bei Rossmann mit schreienden Kindern ringsherum.

17. Mai 2019: Wer kennt es nicht, in der Schlange bei Rossmann niest jemand kräftig, ohne die Hand vor den Mund zu nehmen. Ich halte sofort die Luft an, der Plan: erst nach dem Bezahlen und einige Meter hinter der Ausgangstür wieder atmen, um Ansteckung zu vermeiden. Ich bin aber noch nicht an der Reihe. Aus Erfahrung weiß ich, dass ich „aus dem Stand“, also ohne vorher nochmal kräftig Luft zu schöpfen, etwa zwei Minuten nicht atmen muss, bevor mir schwarz vor Augen wird. Die Person vor mir hat Rabattmarken für ein Shampoo, hat aber das falsche aus dem Regal genommen. Ruhig bleiben jetzt, auch zuviele Gedanken verbrauchen den kostbaren Sauerstoff. Bei Rossmann die Luft anhalten, Apnoetauchen ist ein Scheiß dagegen. Da kommt sie wieder, jetzt hat sie das richtige, Gott sei Dank. Mit Karte? Ja. Nee, müssen sie nicht einstecken, auflegen reicht – „aber wenn sie wollen, können sie sie auch reinstecken“. Meine Fresse, so lernen die Leute es doch nie. Sie sind vielleicht auf Arbeit, aber ich bin auf der Flucht. Kommt einfach zurecht mit euren scheiß Marotten. Endlich, ich bin dran. Die Nasenspitze ist schon kalt und an den Rändern des Blickfelds funkeln bereits die ersten Sternchen. Lege meine Karte auf. „Nee, noch nicht…jetzt.“ Merke, wie mein Gehirn langsam in den Ruhemodus schaltet. Nein, den scheiß Zettel brauche ich nicht, jetzt nichts wie raus. Kurz vorm Ausgang höre ich hinter mir: „äh, wie wär’s, wenn sie ihre Müllbeutel mitnehmen“. Wenn ich jetzt zurückgehe, schaffe ich es nicht mehr nach draußen. Aber wenn ich jetzt rausgehe, traue ich mich nicht mehr rein. Es gibt keine Lösung für dieses Problem, es ist eines jener Probleme, die viel älter sind als wir. Vor meinem geistigen Auge rase ich in der Welt zurück bis in die Kreidezeit und sehe Flugsaurier über mir kreisen. Dann – finstere Nacht.

12. Juni 2019: Idee für ein Date: lade jemanden zu einem langen Drogerietag ein: Müller, dm, Rossmann usw. Dazu erkläre ich wie im Vorbeigehen verschiedene Produkte und Allgemeines. An der Kasse glänze ich mit digitalen Rabattcoupons und übernehme teilweise den Einkauf (Vorschlag: jeder zahlt für sich).

9. August 2019: Vater zu weinendem Kind im Rossmann: „Du man kann nicht immer alles kaufen. Nein, Papa kauft dir das nicht.“

Ich zur Kassiererin: „Packen sie dem Kind ein paar Schokoriegel, Airwaves und Zigaretten ein. Und von denen da noch welche. Ach und noch was, Kind: wenn du mal mehr verdienen willst als in der Grundschule, komm doch mal vorbei. Wir brauchen immer gute Leute, die die Gegend kennen.“

21. August 2019: Kauft ihr eure Socken auch bei Rossmann?

10. September 2019: Ich hab noch nie so nah an einem Rossmann gewohnt wie jetzt. Ich bin nicht besessen von Rossmann, aber er ist nur 100 Meter oder so entfernt und vor allem nachts denke ich oft, dass drüben ja der Rossmann ist. Nicht so stringente Gedankengänge, die wirklich irgendwo hinführen, aber schon oft so rein in den Rossmann. Entweder der Gedanke, wie ich so durch oder über die Gänge schwebe und halt der Schreibsachengang, wo ich auch meine Eddings und Wasserfarben kaufe, oder der Gang mit den Müllsäcken und Toilettensachen, und das „GutBio“-Regal, die Ecke mit den Fototerminals. Entweder in der Vorstellung ist es dunkel dabei, wie es nachts ja wahrscheinlich ist, oder hell. Dann halt in Gedanken auch so verschiedene „gute Einkäufe“ (gute Zusammenstellungen, die man auch gerne an der Kasse zeigt), oder besonders viele nützliche, teure Sachen, die man sich sonst in der Menge nicht leisten kann, aber es kommt auf den Preis nicht an, weil ich irgendwie einen Rossmann 500 Euro-Gutschein erhalten habe, entweder gewonnen oder „verdient“, irgendwie weil ich es verdient (?) habe, ganz komisch. Dann wieder einfach der Gedanke, in wie vielen Stunden da langsam Leben in den Laden kommt morgen, erstmal bisschen im Laden umhergehen und paar Lieferungen begutachten, dann langsam alles für die Öffnung vorbereiten. Viel Routine auch, für die Leute da ist das ganz normale Arbeit, nichts besonderes. Die Vorstellung mag ich auch schon wieder, einfach dieses Hemd mit dem Rossmann-Namensschild tragen, aber ganz normale Maloche, kein stolzes Dauergrinsen und unauffällig drauf achten, wie andere einen angucken, sondern einfach da arbeiten, seine Stunden abreißen. Und dann einfach so das Gebäude mir vorstellen und wie ich aus dem Fenster gucke und die Straße runter das Gebäude sehe. Lauter so Sachen ^^

 

18. Oktober 2019: Und noch ein Schlaglicht aus meinem Alltag: bei Rossmann eine gewöhnliche Haushaltsschere gekauft, weil ich meine alte irgendwie verlegt habe. Um die Verpackung der Schere zu öffnen, braucht man eine Schere. Versuche nach der Schere zu greifen, aber sie ist in der Verpackung. Ich komme einfach nicht ran, ohne die Schere kann ich die Verpackung nicht öffnen. Stütze mich mit zwei Fingern auf dem Küchentisch ab, um einen leichten Schwindel auszugleichen. Die Schere ist in der Verpackung.

Blogbuch: Nicht auf den Leim gehen

Ich lese in den letzten Tagen häufig, die Flüchtlingszahlen seien ja schon länger eher niedrig, deshalb seien die CSU-Manöver der Zurückweisung an der Grenze auf Basis von Obergrenzen und sonstigen Plänen, die das Recht auf Asyl (und damit die Pflicht es zu gewährleisten) gezielt in Frage stellen, so besonders absurd. Diese aktuelle argumentative Kampflinie scheint mir äußerst fragwürdig. Nicht nur wegen des Türkeideals, zu dessen Verkommenheit man wohl nicht viel sagen muss. Deutschland sollte, könnte, in meinen Augen muss sogar sehr viel mehr Flüchtende aufnehmen, auch in Zeiten, in denen mehr Menschen hier Schutz und Überleben suchen sollten als jetzt oder in der Vergangenheit, was auf ekelhaft menschenfeindliche Weise als „Flut“, „Ansturm“ usw bezeichnet wurde. Das Land war nur aufgrund mangelhafter Planung und natürlich ungenügendem Willen überfordert. Die Politik hat Angst vor, die Medien richten sich nach dem Teil der hiesigen Bürger, die sich fieberhaft in eine Ausländerfeindlichkeit hineingesteigert haben und die sozial Schwache gegen Flüchtende ausspielen. Das alles gilt es klar und immer wieder zurückzuweisen. Die Forderung muss doch ganz klar sein: Die Politik dieses auf so viele Weisen privilegierten Landes muss Lösungen liefern, auch was den Schutz vor Terrorismus und andere Probleme betrifft, aber auf Basis der Bereitschaft, der Pflicht – wenn man schon nicht in der Lage ist, freiheitliche Werte gemeinsam mit Verbündeten außerhalb Europas gegen Schlächter, Religionsfaschisten und Diktatoren auch militärisch auszufechten – wenigstens sovielen Kriegs- und Terrorflüchtenden wie möglich und nötig zu helfen. Dahinter nicht zurückfallen.

Blogbuch: Die alte Hacienda

Wenn ich später mal auf einem Bauernhof in einer Art Kommune oder Sekte lebe, wird es eine Kuh geben, die „Hacienda“ heißt…ich sage dann immer „die alte Hacienda“ und finde das selbst am Komischsten, während andere – wenn überhaupt – nur etwas schmunzeln oder sogar genervt sind. Traum.

Tagtraum: Im bequemsten Sessel

Tagtraum: sitze im bequemsten Sessel der Welt, um den zahme Waldhunde herumspringen und entscheide im Stile Salomons Streitfälle. Zum Beispiel sowas wie „König Benjamin, wir können uns nicht einig werden, was die bessere Fanta sei, Erdbeer oder Melone.“ „Ganz einfach, nimm diese Melone hier, schneide sie auf und trinkt je ein Glas von beiden Sorten (?!).“ Raunen, Beifall.

Milspe und Voerde

Dass „jeder Mensch Ausländer“ sei („fast überall“), bewahrheitet sich schön an dieser mir von meinem Vater, damals Gemeindepfarrer in Ennepetal, überlieferten Geschichte. Wie er zu einer älteren Dame gerufen wurde, die im Sterben zu liegen schien, dann aber wohl doch noch eine ganze Weile lebte, und die ihm ihre Lebensgeschichte erzählte, die damit (vorerst) endete: „Jetzt lebe ich schon 45 Jahre in Voerde und habe immernoch Heimweh nach Milspe.“