Zum Vorwurf, ich sei Bellizist

Ich habe recht oft etwas zu dem Vorwurf geschrieben, ich sei ein Bellizist. In der Regel habe ich das bejaht, zumeist mit Erklärung, manchmal auch ohne. Den Vorwurf, das Wort sei „verbrannt“, aus dem allgemeinen Sprachgebrauch als Synonym für „Kriegsgeilheit“ und Militarismus nicht mehr herauszuschreiben, nehme ich dennoch wahr (schwierig aber auch „Interventionalismus“). Dazu hatte ich auch zwei längere, gute Gespräche.

Aber ich bin natürlich uneinsichtig („…im Rauchsalon sage ich manches…“). Und ich sage auch, warum. Das Wort Bellizismus finde ich vor allem als provokanten Gegenbegriff zu „Pazifismus“ nach wie vor hilfreich, aber natürlich keineswegs als Beschreibung einer allumfassenden Lebenseinstellung. Mein Gemüt ist friedlich. Ich bin friedlich. Ein großer, schwerer Zottel, schnell ängstlicher, um Vermittlung bemühter Mensch, sich allgemeine, gutmütige Verständigung wünschend. Wer jedoch viel Angst in seinem Leben hatte und hat, und sich trotzdem ein halbwegs gutes Herz und einen ebensolchen Verstand bewahrt hat, kommt mE nicht umhin, aus persönlicher und allgemeiner, jeweils aber leidvoller Erfahrung des Zwischenmenschlichen zu schließen, dass es Menschen gibt, die verletzen und morden wollen, und die aufgehalten werden müssen, weil sie nicht freiwillig aufhören. Umso mehr, wenn sie die Kontrolle über ganze Staaten übernehmen.

Pazifismus deutscher Prägung nach 1945, den ich als zunächst unpolitischer Nerd erst nach 2001 zu verstehen begann, kennzeichnet mE ein eklatanter Mangel an Friedfertigkeit. Friedfertigkeit bezeichnet die Fähigkeit, Frieden zu bewahren oder deren Hindernisse und Brüche zu erkennen, zu lösen und Frieden, wenn nötig auch mit Gewalt, wiederherzustellen. In einer zusammenwachsenden Welt bedeutet das zunehmend und unvermeidlich den berühmten „Blick über den Tellerrand hinaus“.

Wer jedoch als einzige Erkenntnis aus Täterschaft, hier zB der von Deutschen begangene Holocaust als erstes genannt, Weltkriege danach, gestoppt nur durch Krieg, die ja grundsätzlich nicht falsche Lehre „nie mehr Täter“ zieht, sich jedoch gegen die Lehre „nie mehr Opfer“, besonders seiner Opfer, verhärtet, und mit nachgerade mörderischem Selbstbewusstsein die schreckliche Notwendigkeit verkennt und zurückweist, um sein Leben und das anderer mit der Waffe in der Hand kämpfen zu müssen, um Vernichtung zu entgehen (das Fass der Täter-Opfer-Umkehr besonders eifriger Deutscher garnicht erst aufgemacht), der ist vielleicht Pazifist, aber ganz sicher nicht friedfertig.

Schlimm, wenn man es nicht versteht. Schlimmer, wenn man es versteht, sich aber je nach Bedarf in die Reihe der vermeintlich Friedensliebenden einreiht, an anderer Stelle einen aus Bosheit und Mordlust betriebenen Krieg, gegen die eigenen Bürger und/oder gegen andere, entweder bewusst ignoriert oder leugnet, ja schönredet, ja im schlimmsten Fall gutheißt. Und es ist meistens schlimmer. Wenn mich also ein Pazifist einen Bellizisten nennt, dann antworte ich jetzt immer mit dieser „wall of text“. Nein Spaß, ich sage einfach ja.

„We hate war. We do not rejoice in victories. We rejoice when a new kind of cotton is grown, and when strawberries bloom in Israel.“ (Golda Meir)

Fiktiver Brief von Herrn Sesam an eine ihm bekannte Person

Hallo mir bekannte Person,

ich weiß, was Du jetzt als erstes denken wirst. Und so ist es auch. Ich habe lange Dir nicht geschrieben, ich habe es teils selbst verschuldet, teils sind mir diese wichtigen Dinge durchgerutscht, irgendwo um die Ecke gegangen, Du kennst mich.

Was Du als nächstes denken wirst, errate ich nicht. Ich lag nackt in einem kleinen Bach, so klein, dass das Wasser sich an meinem Kopf und meinen Schultern staute oder seitlich auf die Wiese lief. Dann begann das Wasser langsam über mein Gesicht zu laufen, aber ganz sanft. Ich hatte das Gefühl, ich hätte zusätzlich zu den eisigen Temperaturen eine kühlende Gesichtsmaske aufgetragen. Ich hörte auf, mit dem Kopf zu atmen, streckte meinen Bauch in die Höhe, der auch dünn mit fließendem Wasser bedeckt war, nun aber herausragte, und mit einem lauten Zischen bließ ich Luft aus den Lungen und mit einem kräftigen Zug neue ein.

Nicht mal Du wusstest es, nicht wahr? Ich kann auch mit dem Bauchnabel atmen. Oft habe ich es früher in der Kindheit in der Badewanne getan, aber Du weißt wie groß ich geworden bin und wie ich schon früh in die normal großen Wannen, wie sie in den meisten einfachen Bädern verbaut werden, nicht mehr hineinpasste. Ich würde sogar so weit gehen, dass ich mit dem fortschreitenden Alter wasserscheu wurde. Nur manchmal überkommt mich die Lust, meinen Spaut mal so richtig freizupusten und meine Lungen ganz zu füllen. Denn das wissen nur wenige, und es ist keine meiner eher unwahrscheinlichen Vorgaben: der normale Mensch tauscht bei einem ebensolchen Atmer nur etwa 15% der Luft in der Lunge aus, die Wale und ich und vielleicht noch 3-4 andere Menschen in der Welt, ich weiß es nicht, hingegen mit einem einzigen Atmer 80-90%.

Oder wusstest Du es doch? Kam Dir bei den wenigen Malen, wo wir uns nackt beieinander aufhielten, etwas seltsam vor an meinem Bauchnabel? Jetzt weißt Du es jedenfalls. Diese Menge an Sauerstoff, die durch diese Atmung für einige Minuten den Körper durchflutet, versetzt auch das Gehirn in unwahrscheinliche Aktivität. Allerdings bei gleichbleibender Unlust, es akribisch zu nutzen. Du weißt, wie ungern ich mir Dinge vollständig aneigne. Lieber von manchem wenig als von allem viel. Und leise, leise, und die Leute sollen nicht reden oder so, dass ich sie nicht verstehe.

Aber wie geht es Dir?

Mit den allerbesten Grüßen und Wünschen, immer Dein Herr Sesam

Neues Miniaturenbuch

Liebe Leser,

immernoch mache ich mich hier viel zu rar und trage sträflich selten meine Texte nach, die ich fast immer erstmals und einzig auf Facebook poste. Dafür sind sie jetzt in anderer Form ein wenig gebündelt erschienen, und zwar zum dritten Mal als Taschenbuch. „Der ferngesteuerte Dorsch“ gibt es ab sofort (und vorerst nur dort) auf Amazon zu kaufen.

Mein zweites Taschenbuch

Liebe Leser meines Blogs,

am Sonntag ist mein zweites Taschenbuch mit dem Titel „Grüne Schlange, keine Hände“ erschienen. Manche der Geschichten werdet ihr von diesem Blog hier kennen, einige aber auch nicht. Falls Euer Interesse geweckt ist, hier der Link (momentan nur via Amazon zu beziehen): https://www.amazon.de/dp/3000664114/ref=cm_sw_r_cp_apa_i_zwrrFbYBXBPMS

Ideen für Exploitationfilme

-alle, die von einer Corona-Infektion genesen, gebären nur noch Frauen, die sich ohne Männer fortpflanzen können. Mit allen positiven Folgen.

– Es gibt wirklich gar kein Klopapier mehr. Die letzten Menschen, die noch rausgehen können, gehen breitbeinig vor Schmerz wegen Hinterteilentzündung und Sepsis zum Abdecker. Auf die Idee, sich die Kotreste mit Wasser unter der Dusche mit Seife abzuspülen, kam niemand
– Das Virus verläuft zwar oft mild, steigert den IQ aber auf 250. Während die einen sich in jahrelange einzelne Schachduelle verstricken, zerfällt die Welt in viele kleine Enklaven, in denen tyrannische Genies die jeweils perfekte Welt entwerfen
– die kleinen Coronas waren erst der Anfang. Aus einem „Breach“ im Pazifik kommen in exponentiell wachsender Geschwindigkeit riesige Coronamonster und greifen die Megastädte an. Die Menschheit setzt (vergeblich) auf Bodengleiter und einzelne Harpunen (?) und verliert den Kampf haushoch. Das beste an dem Film ist der Soundtrack.
– ja, doch, letztlich werden die Infizierten doch zu Zombies, ich kann es doch auch nicht ändern. Es entstehen dadurch bei Wahlen große bürgerliche Mehrheiten und die Autoindustrie kann aufatmen

Viel über Zeit verraten sie nicht

Zwei Personen kommen sich auf einem sonst kaum belaufenen Spazierweg entgegen

„Guten Tach“
„Guten Tag. Eine Frage, wollen wir vielleicht ein Stück zusammen gehen, mit zwei Meter Abstand, aber so, dass wir reden können?“
„Hjoa, wenn sie in meine Richtung gehen, ich bin auf dem Rückweg zum Auto, dann gerne, warum nicht“
„Wunderbar, danke, mir ist die Richtung gleich. Ich halte auch Abstand. Der Weg ist ja auch schön breit, nicht. Tja, also das ist ja im Moment ganz schön aufregend alles mit dem Virus, was? Mit der Epidemie.“
„Joa. Man soll sich aber nicht verrückt machen. Vorsicht ist gut, aber die Zeit geht auch vorbei“
„Ja, die Zeit. Witzig, dass sie das sagen. Ich war jq lange Uhrmacher, bis meine Hände nicht mehr mitmachten. Das ist so im Alter, ich habe mich nicht beklagt….Zeit ist etwas Sonderbares. Ich habe jahrzehntelang an Uhren herumgeschraubt, aber sein wir ehrlich, viel über Zeit verraten sie uns nicht“
„Ja, ich glaube, ich kann ihnen folgen. Da haben sie glaube ich nicht Unrecht. “
„Ich habe gelesen, für manche wie mich seien die Tage nunmal leider gezählt“
„Sowas finde ich ganz schlimm, wer sowas sagt, das macht mich wütend“
„Ach *winkt leicht ab…Tage zählen. Überlasse ich gerne diesen Leuten. Ich habe es kaum je angefangen. Aber die Zeit ist irgendwo, ich spüre sie, keine Frage. Und natürlich habe ich auch Angst. Aber sie ist nicht immer da. Nicht, wenn ich mich erinnere. Oder wenn ich mich unterhalte. Wenn ich diese Ente da sehe.“
„Wo.“
„Da *zeigt“
„Tatsächlich. Schöne Tiere.“
„Ich möchte nicht in die Zeit fallen. Verstehen sie? Noch nicht. Ah, der Parkplatz. Hier steht wohl ihr Auto?“
„Ja… – aber wissen sie was *schaut auf seine Uhr…,
wenn sie noch können, dann gehen wir doch noch einmal hin und her.“
„*lächelt…eine schöne Uhr“
„Oh. Danke ^^“
„Ich nehme das Angebot gerne an. Sie…ja.“

Im Schlosspark

Im Schlosspark ist im Frühling ein flacher, großer Hügel mit schwarzer Erde aufgeschüttet, auf der viele kleine bunte Blumen blühen. Mit furchtgeweiteten Augen starre ich den Hügel an. Gehe dann über einen Weg zu einer längeren Treppe, diese hinunter und einige Straßen weiter, steige dann in einen Bus, der mich fast vor meiner Haustüre rausläßt. Gehe sofort zu meinem Kellerverschlag, suche und finde den Spaten. Dann setze ich mich auf einige Kisten und warte.Als es dunkel und Nacht geworden ist, fahr ich mit dem letzten Bus zu den Straßen und der Treppe bis zu dem Hügel hinauf. Ich bin der letzte Fahrgast und der Busfahrer ist weg. Der Bus steht genau vor dem Hügel und die Scheinwerfer beleuchten IHN. Langsam steig ich aus, den Spaten fest in meinen Händen. Schaue mich um, aber es ist niemand da. „Ihr seid frei“, rufe ich laut in einer fremden Sprache, und die vielen Blumen auf dem Hügel beginnen erst zu vibrieren und zu zittern, dann sich langsam aus dem Hügel herauszuschütteln und auf dünnen Wurzelbeinen in alle Himmelsrichtungen davonzulaufen. Dann steige ich auf die Mitte des Hügels und beginne zu graben. Stich um Stich. Um Stich um Stich und. Grub und grub, und ich lass dich nicht im Stich. Stich um Stich. Da, der Spaten stößt auf Holz. Hektisch lege ich einen Sarg frei. Ich lasse dich nicht. Ich hole dich. Ich hole dich. Ich lasse dich nicht im Stich. Da sind die Nägel und Scharniere abgeschlagen und ich öffne den Sarg. Und darin…der Bus, der vorher noch die gespenstische Szenerie beleuchtet hat, als Busfahrer-Pappmaché-Figur und der Bus noch zusätzlich, der gerade normal an der Straße in dem Sarg abfährt und auch noch ein Hügel mit Blumen.

Das sind die Cashews

Normale wohlhabende Familie, mehrmals mit dem SUV im Rewe und bei Denn’s gehamstert

Bruno: „So, was essen wir denn heute abend. Genug Auswahl haben wir ja jetzt“ *lacht reich
Sandrine: „Ich decke einfach mal den Tisch, wir haben ja auch viele frische Sachen gekauft, die halten sich ja auch nicht ewig. Also herrlich frische Brotsorten mit Flußkrebssalat oder Frischwurst, schöne Käseplatte, die ganzen Frischkäsezubereitungen, Avocados, Feigen, frische Tomaten, Burrata, Sushi, sowas?“
Bruno: „Ich hatte eigentlich Lust auf diesen veganen Brotaufstrich mit Cashew und anderem“
Sandrine: „Du, Bruno, lass uns diese Döschen doch erstmal zulassen und das frische…“
Bruno: „Den wollt ich aber gerne mal probieren, der hält sich dann ja auch im Kühlschrank“
Sandrine: „Du, wenn der geöffnet ist, nicht so lange…wir haben doch so viel anderes erstmal“.
Bruno: „Das ist ja eine ganz kleine Dose, du kannst ja auch davon mit essen“
Sandrine: „Nee, du, ich wollte die frischen…“
Bruno: „Ja meine Güte, dann ess ich das Döschen ganz allein auf und von deinen frischen Sachen auch noch jede Menge, wenn die wegmüssen – hach du musst aber auch aus allem ein Problem machen“
Sandrine: „Du, Bruno, benimm dich. Wir haben besprochen, wegen der Kinder keine Panik oder Streit zuhause, die werden hier ja wahnsinnig sonst“
Bruno (leiser): „Und ich werde wahnsinnig, wenn es wegen eines Abendbrotdetails solche Diskussionen gibt. Dafür habe ich mir nicht dem Buckel krumm geschleppt, dass hier jetzt rationiert wird“
Sandrine (entsetzt): „Bruuuno. Das hat doch mit Rationierung nichts zu tun, es ist doch einfach sinnvoll, jetzt erstmal die frischen Sachen… “
Bruno: „Die hätte ich auch nie gekauft. Viel zu viel alles“
Sandrine: „Also das…DU wolltest doch…“
Bruno: „Komm, Schluss. Ich probier jetzt den Cashew-Aufstrich *macht die Dose hektisch auf, probiert mit dem Finger…wunderbar nämlich. Da hätten wir gleich 20 von mitnehmen können. Ganz lecker, hier, probier mal“
Sandrine: *vogelzeig
Bruno: „Wunderbar. Bisschen salzig ohne Brot. Bisschen beißen im Mund, das sind die Cashews. Bin aber nicht allergisch. Nee, das ist so gut, da fahr ich gleich nochmal los und hole mehr.“
Sandrine: „…ich esse jetzt einen Teller Tomaten mit Burrata, Abendessen ja offensichtlich jeder für sich“
Bruno wortlos ab, kommt nach 40 Minuten wieder
„Sooo, hallo Schatz. 30 Döschen hatten sie noch auf Lager.“
Sandrine (schon zwei Gläser Wein): „Super! räumst du es gleich in den Schrank?“
Bruno: „Immer mit der Ruhe. Jetzt mach ich mir erstmal einen Teller mit Broten und dem guten Aufstrich. Ganz ausgehungert nach der Tour.“
Sandrine: „Also bleibt das Weg- und Aufräumen wie immer mir überlassen, herrlich“
Bruno: (überhörend, zufrieden) „Ahhh, so. Llllecker. So gut… – ouh ja, starkes Beißen. Aber das sind die Cashews“
Sandrine: „Allergie“
Bruno: „Quatsch. Also wirklich, trink lieber weniger“
Sandrine: *schenkt sich nach
Bruno: „Unheimlich gut. Zwischendurch ein Schluck Milch. Siehste, Frischmilch, kommt weg. Dann brennt es nicht so. Perfekt lecker. Morgen wenn sie nachgeladen haben hole ich noch mehr“
Sandrine: „Hol dir gleich einen ganzen Sack Cashews, Bruno, ich stampf dir noch Dip dazu“
Bruno: „Du bist so furchtbar unlustig und blöde, hahaha. Aber ist mir auch egal. So noch das letzte Brot. Immer mit Milch jetzt. Brennt kaum. Wunderbar. Was kommt im TV?“

Sonderbar gebogen

Ich fühl mich heute so sonderbar gebogen.
Die Gesetze der Physik sind offenbar aufgehoben.
Ohne einen Schritt zu tun, strecke ich mich zum Kühlschrank im oberen Geschoss,
tauche den Kopf in die Terrine und esse einen Königsberger Kloss.
Ich kann plötzlich machen, wonach immer mir ist.
Zeitreisen, Dimensionsprünge, Rechnungen stunden ohne Frist.
Fliegen wie ein Adler, tauchen wie ein Rochen.
Alte Freunde besuchen, sogar Jochen.
Und das alles, ohne mich aus dem Bett zu begeben.
Die einen nennen es Spinnerei, ich Leben.