Blogbuch: Quitten

Seit einiger Zeit wohne ich über einem (türkischen) Supermarkt und nachts kommen immer lauter kleine und mittelgroße Laster und karren ohne Ende Quitten ran. Es gibt wirklich riesige Berge Quitten vor und in diesem Laden. Quitten riechen extrem gut nach Apfel und Birne, vor allem, wenn man an der Schale reibt. Man macht Marmelade und Kompott aus ihnen. Als Währung kann man sie gegen Waren und Dienstleistungen eintauschen.

Erinnerung: Mongolischer Kehlkopfgesang

Ich hab mir vor Jahren mal in der Freiburger Innenstadt eine CD mit mongolischem Kehlkopfgesang gekauft – die fünf oder sechs mutmaßlichen Mongolen, die abends wohl noch ein Konzert auf Einladung einer evangelischen Kirchengemeinde hatten, hatten da straßenmusiziert. Das Besondere an dieser Art Gesang ist, dass man ihn irgendwie gut findet. Dazu spielte einer der „Burschen“ eine Art Kniegeige, aber aus importiertem Holz. Die Mongolen leben ja in Jurten aus vergorener Milch, weil es in der dortigen Steppe praktisch kein Holz gibt. Es gibt da die sog. „fünfte Jahreszeit“, wo die Männer einen ganzen Monat auf Pferden (Reitervolk!) kreuz und quer durch das teils enorme Land reiten, nur um (Mal wieder) kein Holz zu finden. Schade, aber alle wussten es vorher. Und das wird dann mit einem großen Fest gefeiert, wo auch Kamerateams von 3sat dabei sein dürfen. Alles etwas seltsam .

Erinnerung: Goldfische

Ich bin in einem Dorf aufgewachsen, in dem es ein kleines „Wasserschloss“ gibt, ein tatsächlich von einem teils breiten Wassergraben umgebenes, burgartiges Anwesen. In dem Wasser schwammen viele, teils unheimlich große Goldfische und auf dem Wasser mehrere weiße Schwäne, die von dort aus gerne Spaziergänger auch an Land angriffen. Für mich als Kind war glasklar, dass diese Schwäne nur zu dem einen Zweck dort gehalten wurden, nämlich um die (wertvollen) Goldfische im Wassergraben zu bewachen. Das stimmte zwar rückblickend nicht; Goldfische waren nicht besonders wertvoll und die Schwäne waren auch einfach so dort wohnhaft. Witzig ist trotzdem, dass der Preis für Goldfische in den letzten Monaten um das Zehnfache gestiegen ist und die hübschen Karpfenartigen mittlerweile als eine Art Onlinewährung gehandelt werden.

Früher auf dem Land

Früher auf dem Land haben mehrere Generationen immer gerne unter einem Dach gelebt und sind gegenseitig gealtert. Irgendwann waren die Großeltern so, dass sie sagen wollten: ich habe jetzt alles gesehen, und das nicht zum ersten Mal. Ich möchte gehen. (Sterben.) Aber liebe Leute, das war doch gar kein Grund, traurig zu sein. Der Tod von anderen gehörte zum Leben schlicht dazu, war etwas ganz Natürliches. Einmal bekamen sie noch vom Essen. Dann wurden sie in eine Art festlichen Sack gebeten und einige Treppen hoch- oder runtergetragen. Dann versammelten sich alle in einem Halbkreis: die Kinder, die Kindeskinder, und ach guck, auch deren Kinder hatten schon Kinder. Dann wurden die Großeltern aus dem Sack herausgerufen, indem alle laut KOMMT RAUS IHR!!! riefen. Und dann wurde oben auf dem Speicher ein Schrank geöffnet und die Großeltern gingen zügig hinein und waren dann weg.

Blogbuch: Bildtelefon

Das Bildtelefon hat sich im Privaten nie wirklich durchgesetzt. Selbst heute, wo es vermutlich so leicht ist wie nie, einen Videochat zu machen, bevorzugen viele den normalen Chat oder Anruf – oder auch eine seltsame Mischung aus beidem, die Sprachbotschaft. Und das alles in Zeiten ungezählter Selfies. Ich denke, das Bildtelefonieren hat etwas von Auftritt, was viele daran stört. So als trete man im Fernsehen auf. Man weiß nicht, wie man in dem Moment aussieht, man hat keine direkte Kontrolle darüber. Der Winkel oft ungünstig, die Lichtverhältnisse fragwürdig. Was beim Schnappschuss schon kultig und ein Fall für Instagram ist, ist im Livevideo vielleicht nur Zumutung. Ein falsches Wort ist schnell korrigiert, ein falsches Gesicht ist schnell gemerkt. Nur Kinder stört das alles nicht. Sie können anfangs garnicht genug davon bekommen, sich und andere im Videochat zu sehen, bis nach einigen wenigen Tagen auch das langweilig ist – das wiederum, weil die Leute im Videochat noch mehr als beim normalen Telefonieren Inhalte vernachlässigen. Es geht irgendwann einfach um nichts mehr, ein bisschen so wie im „Mittagsmagazin“. Die angestrengt grinsende Tele-Gegenwart der Verwandtschaft wird zur Belastung. Kein Wunder, dass auch die Kinder dann nicht mehr wollen.

Blogbuch: Kleine Geldautomaten

Schon seit einiger Zeit tauchen an Orten, an denen vorher keine waren, kleine, freistehende, offenbar privat betriebene Geldautomaten von Briefmarken-Post-Automatengröße auf. Manchmal führt sogar ein dünnes Stromkabel in eine frisch verlegte Steckdose an der Hauswand, man kann es auch einfach kurz rausziehen und stattdessen dort sein Handy laden, wenn man das Ladekabel dabei hat. Ich habe es schon mehrfach erlebt, wenn ich interessehalber an die Automaten hinangetreten bin, dass auf dem Bildschirm die Nachricht „Servicepersonal ist informiert“ zu lesen war. Abheben konnte man nichts. Die Automaten scheinen sehr schnell leer zu sein. Vermutlich sind aus Sicherheitsgründen (ein Auto oder Lieferwagen könnte vorfahren und Personen könnten den Automaten einfach mitnehmen, verboten ist es zwar, aber wie die Leute eben so sind) immer nur 20 Euro drin. Damit sich der Aufwand trotzdem lohnt, beträgt die Abhebegebühr für die 20 Euro etwa 28-34 Euro. Man muss auch passend abheben, weil eben immer nur ein Schein drin ist. „Bitte passend abheben.“ Manchmal steht auch eine lokale Telefonnummer auf dem Automaten.

„Gerritsen?“
„Ja, Weissinger, morgen. Ihr Geldautomat ist wohl leer, ich wollte mal fragen, wann der wohl wieder befüllt wird.“
„…MANFRED?“
(gedämpft) „Ja?!“
„Der Geldautomat ist wieder leer.“
„Oh nä.“
„Und der Müll muss auch raus.“
„JETZT NED“
„Aber der Herr…wie heißen sie?“
„Weissinger.“
„Der Herr Weissbringer will Geld abheben.“
„Wieviel?“
„Wieviel?“
„20 Euro.“
„20 Euro.“
„Gibbet ihm an der Tür.“