Tischgebet für Satan

Familie, Abendbrottisch

„Mama, können wir heute mal ein Tischgebet für Satan sprechen?“
„Tobi! Wie kommst du auf so einen Unsinn?“
„Na Belial und sein Vater sind bei den Satanisten und…“
„Ich hab dir schonmal gesagt, dass ich nicht möchte, dass du was mit diesem Belial unternimmst“
„Wir sitzen in Kunst nebeneinander, ich hab mir das nicht ausgesucht“
„Dann frag den Lehrer, ob du woanders sitzen darfst.“
„Aber er ist nett.“
„Er ist seltsam und seine Familie ist unmöglich, es gibt sicher viele deiner Mitschüler, die noch netter sind“
„Aber von denen hat mir noch nie jemand einen Dolch geschenkt“ (zückt einen großen, rubinbesetzten Dolch)
„TOBIAS!!! Gib mir den, Sofort“
„Och man“ (gibt den Dolch ab)
„Das werde ich der Schulleitung melden. Sowas, ich fasse es nicht. In der Schule Waffen verteilen und zu Satan beten, ja wo sind wir denn“
„Der Marcel hatte mal eine Pistole dabei und gesagt sein Vater erschießt damit im Dienst Zigeuner“
„Das war beim Eltern-Kinder-Tag und Marcels Vater war dabei, das ist etwas völlig anderes, außerdem hat Marcels Vater klargestellt, dass sie nur schießen, wenn die Zigeuner einbrechen und klauen“
„Aber Belial…“
„Mit Belial ist jetzt Schluss. Werde dafür sorgen, dass er von der Schule fliegt.“
(leise) „aber nicht wenn er dich in ein Opossum verwandelt wie unsern Sportlehrer“
„Was?“
„NICHTS“

Ich bin immer ich

Eine Person betritt ein verwinkeltes Trödel-Antiquariat und findet nach einer Weile den Besitzer, einen kleinen Herrn in einem Ohrensessel sitzen. „Entschuldigen sie. Darf ich sie etwas fragen“ – Der Herr nickt wenig begeistert. „Und zwar bin ich auf der Suche nach einem Fledermausmantel, so einen, den Atahualpa mal besessen haben soll.“ Das Gesicht des Herrn hellt sich auf. „Endlich mal eine interessante Frage, danke dafür. Aber nein, ich habe natürlich keinen Fledermausmantel.“ „Ach, wie bedauerlich. Da kann man nichts machen, ich empfehle mich.“ „Gut, auf Wiedersehen.“ Als die Person den Laden verlassen hat, betritt der Herr eine Garderobe, öffnet einen alten Schrank und zieht sich einen bizarren Mantel aus vielen kleinen Fledermausfellen über. Und mit einer seltsamen Stimme sagt er „Ich bin immer ich.“

Urlaub in Schweden

„Habt ihr schon überlegt, wohin ihr im Sommer in Urlaub fahrt?“
„Ja, wir haben uns für Schweden entschieden
„Schweden! Joa…bisschen langweilig, aber immer wieder schön“
“ – wieso langweilig?!“
„Ach, das hab ich nur so blöd dahergesagt, ist wunderschön“
„Thomas, was ist an Schweden langweilig?“
„Meine Güte, nichts, einfach ein blöder Spruch. Ich fahr auch gerne nach Schweden.“
„Thomas…jetzt sag es einfach. Irgendwas…“
„Nee das wird mir jetzt zu blöd“ (steht auf)
(lauter) „Irgendwas meintest du doch, jetzt steh auch dazu und sag es“
„So ein Quatsch“ (nimmt seine Jacke, geht zur Haustür, Treppe runter in den Hof)
(reißt Fenster auf) „WAS IST AN SCHWEDEN LANGWEILIG DU ARSCHLOCH MENSCH“
(aus einer anderen Etage) „RUHE!!!!!!!“
(Thomas entfernt sich eiligen Schrittes)
„ARSCHLOCH!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!“

Unversöhnlich werden

Mit dem „schlecht Vorhandenen sich nicht abfinden“ können, das, sagt Bloch, hat das Hoffen im Kern. Sich nicht abfinden, das hieß für mich in den letzten Jahren in Familie wie Freundes- und Bekanntenkreis, größtenteils außerhalb der „Filterbude“, schmerzliche Konflikte, die ich als harmoniebedürftiger Mensch lange scheute, unversöhnlich zu führen, das heißt, mit Menschen nach unmissverständlicher Aussprache und dem Erkennen und Anerkennen großer Differenzen zu brechen oder zumindest eine klare Distanz aufzubauen. Das schlecht Vorhandene ist vor allem die bewusste Verletzung anderer Menschen und das Gerücht über diese. Das schlecht Vorhandene ist eine Heimat, die der Albtraum jener ist, die, selbst wenn sie brutale, paternalistische, sexistische und nationalistische Gesellschaftsnormen erfüllen und sich an Produktivität messen lassen, Fremde oder Bürger zweiter Klasse bleiben müssen. Meine Hoffnung ist nicht der flüchtige Tagtraum, dass plötzlich Mitgefühl, Empathie, Gerechtigkeitsempfinden und das Anerkennen und Reflektieren eigener Ängste über all meine Mitbürger kommen. Ich träume viel, aber das nicht. Meine Hoffnung ist jedoch, dass Menschen mit gutem und verständigem Herzen unversöhnlich werden und den Federhandschuh aufnehmen, um das, an das wir vielleicht nicht mehr glauben können, aber auf das wir hoffen müssen und wollen, weil wir uns nicht abfinden können, selbst in die Hand zu nehmen.

Sonntage

Sitze in einem einfachen, aber sehr bequemen Lehnsessel und höre den Goldenen Hahn von Rimski Korsakow, da kommt mit einem Mal ich selbst in klein, etwa opossumgroß, ins Zimmer rein und beginne auf einem entsprechend kleinen Herd Popcorn zuzubereiten. Traue mich nicht, mich anzusprechen, aber ich scheine zu wissen, was ich tue. Aus Verlegenheit schlage ich lieber in einem Buch nach, was auf einer bestimmten Seite steht. Ahja. Im Augenwinkel ziehe ich mit dem fertigen, herrlich duftenden Popcorn quasi ab. Stelle mich an die Fensterfront und werde nachdenklich. So klein habe ich mich noch nie gesehen. Hatte auch eine freche Hose an, freche Farbe. Den Herd muss ich natürlich wegmachen. Draußen fahren sieben gelbe Wesen auf einem Septem (Tandem für sieben) in einen gefährlichen Waldweg hinein. Sonntage sind und bleiben die furchtbarsten Tage.

Schlag den Reiher

Jahrmarkt, regnerisch. Trotz Samstagabend sind relativ wenig Leute unterwegs, die meisten drängen sich um die Fressbuden. Der Hauptgewinn am gewaltigen, aber verwaisten Losstand ist eine riesige Gottschalkpuppe. In einer besonders dunklen Ecke des Jahrmarkts steht ein kleiner, etwa lokusgroßer Kasten mit der Überschrift „Schlag den Reiher“. Ein Mädchen hat einen Euro bekommen und weiß nicht so recht, wofür sie ihn ausgeben soll. Als sie den heruntergekommenen und ramponierten Reiher hinter der Absperrung sieht, fragt sie die alte Kassiererin, ob sie den Reiher auch umarmen statt schlagen darf, wenn sie den Euro zahlt. Da lächelt die alte Frau überrascht und sagt: „Wenn du ihn umarmt, musst du garnichts zahlen“ und öffnet die Absperrung. Etwas ängstlich geht das Mädchen in das kleine Kabuff und steht vor dem Reiher, der von außen kleiner aussah als er wirklich ist. Da fasst sie sich ein Herz und umarmt ihn. Er riecht nass und muffig und ihr ist kalt. Aber plötzlich legt der Reiher seine Flügel um sie und sie fühlt sich wunderbar geborgen. „Danke“, sagt der Reiher. „Ach, dafür nicht“, sagt das Mädchen; den Spruch hat sie irgendwo mal aufgeschnappt. Guter Dinge verlässt sie den Reiher, winkt noch einmal und kauft sich von dem gesparten Euro eine Dose Bier, die sie der Frau am Reiherstand schenkt. Da lacht die Frau, öffnet die Dose, „zieht sie weg“ und rülpst unglaublich laut, sodass das Mädchen weinend vor Lachen nach ihrem Hause läuft. Außerdem sitzen noch sieben gelbe Wesen in einem einzigen Autoscooter und wissen genau, wie sie fahren müssen, um nicht angedotzt zu werden. Ende.

Pokalgeschäft für Pokale

Eine Person eröffnet ein Pokalgeschäft für besonders schöne Pokale. Da kommt auch schon der erste Kunde. Ja, ich hätte gerne einen nicht zu teuren hehe Pokal für einen Kindergeburtstag, da…die Person hebt die Hand und sagt „entschuldigen sie, darf ich sie gleich unterbrechen. Ich verkaufe hier nur Pokale für besonders schöne Pokale.“ – „Eh, ja er darf ruhig besonders schön sein, oder was verstehe ich gerade nicht? ¿“ – „Nein, verstehen sie, wenn jemand zuhause oder in Besitz einen besonders schönen Pokal hätte, dann könnten sie hier als Auszeichnung für den Pokal einen Pokal kaufen. Zu anderen Anlässen verkaufe ich meine Pokale nicht.“ – „Das verstehe ich zwar immernoch nicht, aber zumindest soviel, sie wollen mir für den Kindergeburtstag keinen Pokal verkaufen“ – „Leider, ja.“ – „Und wenn ich jetzt sagen würde, der ist für einen besonders schönen Pokal…“ – „Das wäre zwar gelogen, aber so würden wir theoretisch ins Geschäft kommen.“ – „Also gut, das nehme ich auf mich. Ich kenne da also jemanden, das stimmt sogar, wie mir gerade einfällt, der einen besonders schönen Pokal zuhause hat, und für den würde ich gerne einen Pokal bei Ihnen kaufen, einen kleinen aber, nicht zu teuer.“ – „Ich habe Pokale für Pokale in allen Größen und Preisklassen, das wird nicht das Problem sein. Schauen Sie etwa hier, wie wäre der?“ – „Wunderbar, genau so einen hatte ich mir vorgestellt. Wieviel kostet der denn.“ – „Ich nehme hier nur Pokale als Bezahlung.“ – „Jetzt wollen sie mich veralbern!“ – „Ja, da habe ich mir einen kleinen Scherz erlaubt, haha“ – „Hahaha, sie sind schon ein verrückter Vogel“ – „Ach nunja. Das macht dann 10 Euro.“ – „Oh das ist aber wirklich sehr günstig.“ – „Aber jetzt passen sie auf, was ich mit dem Pokal mache“. Die Person wirft den Pokal auf den Boden und trampelt auf ihm herum, bis er ganz verbeult ist. „Um Himmels Willen, was ist nur in sie gefahren.“ – „Ich halte es einfach nicht aus, ihre Lügen!!! Ich verkaufe Pokale nur für besondere Pokale, nicht für kleine Rotznasen. Sehen sie den anderen Pokal hier? Aus dem trinke ich jetzt Holunderbeersaft. Hier, die Flasche. Ich gieße ein. Aaaaaah, herrlich. Fliederbeersaft kann man auch sagen. Fühle mich gestärkt, ich laufe urplötzlich los!!!“ Sagt’s und spurtet aus dem Laden. Der Kunde schaut ihm an der Tür hinterher, schüttelt den Kopf und legt sich dann flach auf den Verkaufstisch und verwandelt sich in einen dampfenden Samowar. Sieben gelbe Wesen steigen außerdem noch in einen Karton.

Sieben gelbe Wesen wissen es

Eine Person mit normalem Kopf macht sich auf eine lange Wanderung einen Berg hinauf, um die sieben gelben Wesen zu besuchen, die es wissen. Der Weg ist beschwerlich und selbst für erfahrene Bergsteiger eine enorme Herausforderung. Doch das stimmt interessanterweise garnicht und es ist ein eher angenehmer Weg zum Flanieren bis hoch zum Gipfel. Guter Dinge tritt die Person ein in die kleine Grotte der sieben gelben Wesen, die es wissen. Doch es sind nur fünf und selbst einfache Fragen wissen sie nicht. Da ist eine Tür mitten in der Geschichte und man kommt bei Karstadt raus. Nach einer Weile in der Stadt kauft sich die Person noch einen Kaffee, den sie sich in eine kleine Phiole schütten lässt, die sie um den Hals trägt. Dann spielt sie Skat mit den zwei gelben Wesen, die nicht da waren, gewinnt am Ende aber in Doppelkopf, weil sich die gleiche Person wie sie selbst noch mit dazugesetzt hat.